Kelmis (französisch La Calamine, Platt Kelemis) liegt direkt an der deutsch-belgischen Grenze, rund elf Straßenkilometer vom Aachener Markt entfernt. Heute ist es die nördlichste der neun Gemeinden der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens. Gut hundert Jahre lang aber gehörte das Gebiet um den Ort zu keinem Staat so richtig: Von 1816 bis 1919 war hier Neutral-Moresnet, ein winziges neutrales Ländchen, das nur deshalb existierte, weil sich zwei Mächte nicht über eine Zinkgrube einigen konnten.
Kelmis heute
- Einwohner: 11.332 (Stand 1. Januar 2026, belgisches Statistikamt Statbel)
- Fläche: rund 18 Quadratkilometer – die kleinste und am dichtesten besiedelte Gemeinde der Deutschsprachigen Gemeinschaft
- Ortsteile: Kelmis, Neu-Moresnet und Hergenrath, zusammengelegt am 1. Januar 1977
- Lage: Provinz Lüttich, Bezirk Verviers; Nachbarn sind Vaals in den Niederlanden, Aachen, Raeren, Lontzen und Plombières
- Anfahrt mit dem Auto: ab Aachen-Zentrum rund 11 Kilometer, knapp 20 Minuten; ab Köln rund 85 Kilometer, gut eine Stunde; ab Trier rund 150 Kilometer, knapp zwei Stunden
Amtssprache ist Deutsch, die Ortsschilder sind zweisprachig. Der Name verrät, worum sich hier lange alles drehte: Er kommt vom Galmei, dem Zinkerz, das am Altenberg gegraben wurde und das man in der Gegend „Kelms“ nannte. Die Gemeinde selbst erklärt den Namen als „bei den Galmeisteinen“; die frühere deutsche Bezeichnung des Ortes lautete Altenberg.
Wie Neutral-Moresnet entstand
Nach Napoleons Niederlage ordnete der Wiener Kongress 1815 die Grenzen neu. Zwischen dem Königreich der Niederlande und Preußen widersprachen sich dabei zwei Artikel der Schlussakte – und ausgerechnet an der Stelle, wo eine reiche Galmeigrube lag, der Altenberg, französisch Vieille Montagne. Beide wollten die Grube. In Aachen wurde ab Dezember 1815 verhandelt, am 26. Juni 1816 unterzeichneten die beiden Seiten den Aachener Grenzvertrag.
Die Lösung war ein Kompromiss in drei Teilen: Das Dorf Moresnet kam an die Niederlande, Neu-Moresnet an Preußen – und dazwischen blieb ein dreieckiges Gebiet von rund 3,4 Quadratkilometern mit der Grube neutral, gemeinsam verwaltet von beiden Staaten. Die Grenze war elf Kilometer lang. Als sich Belgien 1830 von den Niederlanden löste, trat es an deren Stelle.
Leben im Land ohne Staat
Regiert wurde Neutral-Moresnet von zwei Kommissaren, einem preußischen und einem niederländischen, später belgischen. Sie ernannten den Bürgermeister; der erste, Arnold Timothée de Lasaulx, blieb von 1817 bis 1859 im Amt. Einen Gemeinderat gab es erst ab der Mitte des 19. Jahrhunderts. Es galten weiter die französischen Gesetzbücher aus napoleonischer Zeit, der Code civil und der Code pénal; eigene Gerichte hatte das Gebiet nicht, geurteilt wurde von Richtern der Nachbarstaaten.
Für die Bewohner hatte das Vorteile. Die Steuern waren niedrig und wurden jahrzehntelang nicht erhöht, die Einfuhr war zollfrei. Eine eigene Armee gab es nicht. Das zog Menschen an: Aus 256 Einwohnern im Jahr 1816 wurden 2.572 im Jahr 1858 und 4.668 vor dem Ersten Weltkrieg. Es zog aber auch Geschäftemacher an. Neutral-Moresnet war bekannt für seine Schnapsbrennereien, für Alkoholhandel und Schmuggel.
Dazu kamen einige Kuriositäten. 1886 brachte der Arzt Wilhelm Molly eigene Lokalbriefmarken heraus – sie erschienen am 5. Oktober und waren zwei Wochen später schon wieder verboten. 1903 eröffnete im Hotel Bergerhof ein Spielcasino, das nach rund zwei Wochen schließen musste. Und um 1908 warben Molly und der Franzose Gustave Roy dafür, aus dem neutralen Gebiet einen Esperanto-Staat namens Amikejo zu machen, „Ort der Freundschaft“; einen eigenen Amikejo-Marsch gab es sogar.
Sechzig Grenzsteine und ein Vierländereck
Markiert war die Grenze zunächst mit Holzpfählen. 1869/70 wurden sie durch 60 Grenzsteine ersetzt, nummeriert mit römischen Ziffern: I bis XXX an der belgischen Seite, XXXI bis LX an der preußischen. Mehr als 50 davon stehen noch – in Gärten, an Straßenrändern und im Wald. Stein 3 steht heute im Hof der Gemeindeverwaltung, Stein 53 im Museum.

Im Norden reichte das Gebiet bis auf den Vaalserberg. Dort stießen von 1830 an vier Gebiete zusammen: die Niederlande, Belgien, Preußen (später das Deutsche Reich) und Neutral-Moresnet. Das heutige Dreiländereck war bis 1919 also ein Vierländereck. Der Vaalserberg ist mit 322,4 Metern die höchste Erhebung im europäischen Teil der Niederlande; der Dreiländerpunkt ist zu Fuß und mit dem Auto erreichbar.
Das Ende
Im Ersten Weltkrieg annektierte Preußen das Gebiet 1915. Der Versailler Vertrag sprach es danach in Artikel 32 ganz Belgien zu. Seit dem 10. Januar 1920 ist es belgisch; aus Neutral-Moresnet wurde die Gemeinde Kelmis/La Calamine, zunächst unter dem Gouvernement Eupen-Malmedy.
Der Altenberg und die Vieille Montagne
Die Grube, um die alles ging, wurde im 19. Jahrhundert zur Keimzelle eines Weltkonzerns. 1806 erhielt der Lütticher Chemiker Jean-Jacques Dony die Konzession für den Altenberg; er entwickelte ein Verfahren, um metallisches Zink in großem Maßstab zu gewinnen. Am 24. Mai 1837 gründete François-Dominique Mosselman die Gesellschaft Vieille Montagne. Das nördliche Lager im Tagebau war 1858 erschöpft, das südliche wurde bis 1884 unter Tage abgebaut – dann war der Altenberg leer. Die Gesellschaft bestand weiter und ging 1989 im Konzern Union Minière auf, dem heutigen Umicore.

Was man in Kelmis sehen kann
Museum Vieille Montagne. Im früheren Direktionsgebäude der Zinkgesellschaft an der Lütticher Straße 278 erzählt seit 2018 das Museum die Geschichte von Galmei, Zink und Neutral-Moresnet. Es hat das frühere Göhltalmuseum in Neu-Moresnet abgelöst und beherbergt auch die Touristinformation. Geöffnet ist dienstags bis freitags von 10 bis 17 Uhr, am Wochenende von 11:30 bis 17 Uhr; der Eintritt für Erwachsene kostet 8 Euro, ein Audioguide auf Deutsch, Französisch, Niederländisch und Englisch ist inbegriffen.
Casinoweiher und Galmeihalde. Den Weiher legte die Vieille Montagne als Wasserspeicher für die Erzwäsche an, gespeist vom Tüljebach. Am Staudamm liegt die alte Galmeihalde, auf der das Gelbe Galmei-Veilchen blüht – dieselbe Pflanze, die auf der deutschen Seite am Schlangenberg bei Breinigerberg wächst. Ein Rundgang um den Weiher ist 2,2 Kilometer lang.

Wanderweg „Längs der Grenzsteine“. Die Gemeinde hat einen Rundweg entlang der alten Grenze ausgeschildert: 13,8 Kilometer, etwa vier Stunden, Start am Parkplatz Casinoweiher an der Lütticher Straße 245. Eine Verlängerung zu weiteren historischen Grenzsteinen bringt noch einmal 6,1 Kilometer. Wer die Gegend lieber auf mehreren Touren erkundet, findet auf unserem Schwesterblog Vorschläge für Wanderungen rund um Kelmis.
Industrielehrpfad im Hohnbachtal. Zwölf Stelen erklären auf etwa zwei Stunden Weg die Bergbaugeschichte, unter anderem an der Grube Schmalgraf (1867–1932) und am Oskarstollen.
Hergenrath. Im Ortsteil Hergenrath überspannt die Hammerbrücke das Göhltal. Der erste Viadukt entstand 1841 bis 1843, 220 Meter lang und 40 Meter hoch; im Zweiten Weltkrieg wurde er zweimal gesprengt, 1940 und 1944.
Anreise
Von Aachen aus fährt die ASEAG-Buslinie 24 vom Bushof nach Kelmis, werktags tagsüber etwa alle 30 Minuten. Dazu kommen belgische TEC-Busse, etwa die Linie 396 zwischen Eupen und Vaals. Mit der Bahn erreicht man den Haltepunkt Hergenrath, den die S41 stündlich mit Aachen Hauptbahnhof verbindet.
Wie das Galmei auf der deutschen Seite die Kupferstadt Stolberg und Dörfer wie Breinig und Mausbach geprägt hat, steht in den jeweiligen Beiträgen.
Karte
Bildnachweis: Beitragsbild „Kelmis – Casa de la Vila“ von flamenc, lizenziert unter CC BY-SA 3.0.
Bilder im Text: „Grenzstein Neutral Moresnet Nr. 21 (1)“ von ArthurMcGill, lizenziert unter CC BY 3.0; „Kelmis – Vieille Montagne“ von Hoebele, lizenziert unter CC BY-SA 4.0; „Kelmis – Kasinoweiher 2“ von BUFO8, lizenziert unter CC BY-SA 3.0. Alle über Wikimedia Commons, für dieses Portal auf 1920 Pixel Breite verkleinert, sonst unverändert.
Quellen
- IWEPS WalStat: Kelmis — 11.332 Einwohner am 01.01.2026 (Statbel), 18,0 km²
- Wikipedia: Kelmis — Namen, Lage, Nachbargemeinden, Fusion 1977, Ortsteile, kleinste und dichtestbesiedelte DG-Gemeinde, Busse und Bahn
- Gemeinde Kelmis: Über Kelmis — Namensherkunft
- Wikipedia: Neutral-Moresnet — Wiener Kongress, Galmeigrube, 3,4 km², Verwaltung, Bürgermeister de Lasaulx, Code civil, Steuern, Schmuggel, Einwohner 4.668, Annexion 1915, Übergang 10.01.1920, Grenzsteine 3 und 53
- Drei Grenzen: Neutral-Moresnet — Grenzvertrag 26.06.1816, Grenzlänge 11 km, Einwohner 1816 und 1858, Briefmarken 1886, Esperanto
- Ostbelgien Tourismus: Früher Neutral-Moresnet, heute Kelmis — Steuern, Schnaps, Grenzsteine
- Deutschlandfunk: Amikejo – Ort der Freundschaft — Esperanto-Pläne von Roy und Molly
- Gemeinde Kelmis: Flyer Wanderweg „Längs der Grenzsteine“ — 60 Steine, Nummerierung, 13,8 km, Start, Verlängerung 6,1 km
- Versailler Vertrag, Teil III — Artikel 32
- Wikipedia: Vaalserberg — 322,4 m, Vierländereck
- Wikipedia: Vieille Montagne — Konzession Dony 1806, Gründung 24.05.1837, Union Minière 1989
- Industrielehrpfad Kelmis — Nordlager bis 1858, Südlager bis 1884, Grube Schmalgraf, Oskarstollen
- Museum Vieille Montagne — Adresse, Öffnungszeiten, Eintritt, Audioguide, Eröffnung 2018, Nachfolge des Göhltalmuseums
- Gemeinde Kelmis: Rund um den Casinoweiher und Casinoweiher — Wasserspeicher der Erzwäsche, Galmeihalde, Rundgang 2,2 km, Casino 1903
- Wikipedia: Hammerbrücke (Hergenrath) — Bau 1841–1843, Maße, Sprengungen
- AVV: Aushangfahrplan Kelmis — Linie 24
- Fahrstrecken: OpenStreetMap-Routing (OSRM), abgefragt am 5. Oktober 2026
Stand der Angaben: Oktober 2026.