Die Flut 2021 in Ostbelgien: die Wesertalsperre, das Vesdretal und der Mythos vom Schwamm

Kurz gesagt: In 48 Stunden fielen im Hohen Venn und an seinem Nordrand Regenmengen mit einer Wiederkehrzeit von über hundert Jahren — in Jalhay 271,5 Millimeter. Die Wesertalsperre bei Eupen hielt mehr als 6 der 12,4 Millionen Kubikmeter zurück, die ihr zuliefen; die unabhängige Untersuchung kommt zu dem Schluss, dass es ohne sie unterhalb noch schlimmer gekommen wäre. Trotzdem starben in Belgien 39 Menschen, die meisten im Vesdretal. Und das Hochmoor, das als Schwamm gilt, hat nach dem Stand der Forschung nichts gepuffert — weil fast nichts von ihm noch aktiv ist.

Auf der deutschen Seite der Grenze heißt die Katastrophe „Ahrtal“. Auf der belgischen heißt sie „Vesdre“ — nach dem Fluss, der bei uns Weser heißt und der in Eupen entspringt, durch Verviers und Pepinster fließt und bei Lüttich in die Maas mündet. Es war dieselbe Wetterlage, dasselbe Wochenende, dieselbe Nacht. Und weil die Wasserscheide mitten durch das Hohe Venn läuft, war es in Teilen sogar dasselbe Wasser, das sich nur anders entschieden hat.

Dieser Beitrag ist die Gegenstelle zu dem, was im Urfttal geschah. Er stützt sich auf die unabhängige Expertise des Ingenieurbüros Stucky für die Wallonische Region, auf den Bericht des Untersuchungsausschusses des Wallonischen Parlaments, auf die Messwerte des belgischen Wetterdienstes und auf die Berichterstattung von BRF, GrenzEcho und RTBF.

Was vom Himmel kam

Das belgische Institut für Meteorologie hat die 48-Stunden-Summen vom 13. bis 15. Juli 2021 veröffentlicht. Die höchsten Werte liegen nicht im Tal, sondern auf der Höhe:

StationNiederschlag in 48 Stunden
Jalhay271,5 mm
Spa217,1 mm
Mont Rigi (Hohes Venn)192,4 mm
Neu-Hattlich189,0 mm

Für diese vier Stationen nennt der Wetterdienst eine Wiederkehrzeit von „deutlich über hundert Jahren“. Die höchste Tagessumme des Landes fiel am 14. Juli in Hockai bei Stavelot: 179,0 Millimeter. Zum Vergleich: Im Urfttal, auf der deutschen Seite, maß Kall-Sistig 161,3 Millimeter — auch das bundesweit Rang drei. Die belgischen Werte liegen darüber.

Die Ursache war dieselbe wie im Ahrtal und in der Eifel: ein Tief, das über Deutschland stehen blieb, eine Regenzone, die sich nicht weiterbewegte, und ein Mittelgebirge, das die Luft zwang, sich zu heben. Die beiden Wettermodelle, die die belgischen Dienste benutzen, haben die tatsächlich gefallenen Mengen im Kern des Ereignisses beide unterschätzt.

Die Nacht an der Wesertalsperre

Die Wesertalsperre liegt oberhalb von Eupen und staut die Weser. Zusammen mit der benachbarten Gileppe-Talsperre fasst sie rund 25 Millionen Kubikmeter. Ihr Einzugsgebiet ist doppelt so groß wie das der Gileppe — und es lag am 14. Juli fast im Zentrum des Regens.

Die Rekonstruktion des Ingenieurbüros Stucky liest sich als Chronologie einer Nacht, in der alles zu spät kam:

  • 13. Juli, 23:07 Uhr — Alarm: Der zu erwartende Zufluss übersteigt die freie Rückhaltereserve. Die Sperre geht in den Modus „Hochwasseralarm“, gibt also so viel ab, wie ihr zuläuft.
  • 14. Juli, 04:17 Uhr — der Pegel Pepinster unterhalb überschreitet seine Alarmschwelle. Die Betriebsvorschrift verlangt jetzt, die Abgaben zu stoppen. Der Alarm kam laut Stucky fünf Stunden nach dem ersten — „was es nicht erlaubt hat, ausreichende Abgaben vorzunehmen“.
  • 14. Juli, 08:37 Uhr — der Versuch, das rechte Entlastungsschütz abzusenken, scheitert. Das Schütz reagiert nicht.
  • 14. Juli, 10:57 Uhr — weil der Seespiegel weiter steigt, werden 10 Kubikmeter je Sekunde über den Grundablass abgegeben. Das ist mehr, als die Vorschrift erlaubt, und geschieht ausdrücklich, um die verlorene Zeit aufzuholen.
  • 14. Juli, 12:35 Uhr — das Schütz ist repariert.
  • 14. Juli, 22:43 Uhr — die kritische Höhe von 360,80 Metern über dem Meer ist überschritten.
  • 00:28 Uhr — der See erreicht 361,00 Meter, die Grenze für die Sicherheit des Bauwerks. Jetzt wird auch die linke Hochwasserentlastung aktiviert, die zu Beginn nicht funktionsfähig war.
  • 15. Juli, 01:30 Uhr — Spitzenabfluss: 196 Kubikmeter je Sekunde. Der rekonstruierte Spitzenzufluss lag bei rund 268.

Zwei Umstände machen diese Nacht schwerer, als sie ohnehin war. Erstens waren die Messgeräte oberhalb des Sees — an der Weser und am Getzbach — wegen laufender Austauscharbeiten ausgefallen. Der Satz im Bericht lautet: „Die Talsperre Eupen hatte keine Kenntnis vom Zufluss in den See.“ Personal musste am 14. Juli dreimal hinausfahren und von Hand ablesen. Zweitens wurde der Helle-Tunnel, der bis zu 25 Kubikmeter je Sekunde zusätzlich in den Eupener See leitet, nicht geschlossen, obwohl die Vorschrift das bei Überschwemmungsgefahr unterhalb verlangt. Stucky nennt das die einzige Abweichung von der Betriebsvorschrift — und hält sie angesichts der Größe des Hochwassers für vernachlässigbar.

Betonwehr mit darunter liegendem Absetzbecken am Weser-Umflutkanal, umgeben von Nadelwald
Ein Wehr am Weser-Umflutkanal im Osthertogenwald, aufgenommen am 1. August 2021 — Teil des Zuleitungssystems, das der Wesertalsperre Wasser aus den Nachbartälern zuführt. Eigene Aufnahme.

Hat die Talsperre die Flut verursacht?

Das ist die Frage, die in Ostbelgien seit fünf Jahren gestellt wird — und sie ist heftiger gestellt worden als jede Frage zu den Talsperren auf der deutschen Seite.

Die Kritik kam eine Woche nach der Flut von Damien Ernst, Professor an der Universität Lüttich. Er sprach von einem „kolossalen Fehler im Risikomanagement“: Die Betreiber hätten die verfügbaren Wetterdaten und die europäischen Hochwasserwarnungen ignoriert und weiter gespeichert, statt vorsorglich abzulassen. Der damals zuständige Minister hielt dagegen, solche Mengen seien nicht vorhersehbar gewesen — und ein frühes Ablassen hätte die Eupener Unterstadt geflutet.

Der Befund der unabhängigen Untersuchung fällt anders aus. Stucky hält fest:

Die Talsperre Eupen hat es ermöglicht, die Spitze des Hochwassers zu dämpfen, indem sie mehr als 6 Millionen Kubikmeter der 12,4 Millionen zurückhielt, die das Hochwasser brachte. […] Ohne die Talsperre wäre die Lage unterhalb noch katastrophaler gewesen. […] Die Betriebsvorschrift wurde vom Betreiber gewissenhaft befolgt. Die Schnelligkeit des Hochwassers hat es nicht erlaubt, durch vorsorgliches Ablassen eine zusätzliche Reserve zu schaffen. Die Betriebsvorschrift sieht diese Möglichkeit ohnehin nicht vor.

Auch für die Flutwellen, von denen Anwohner berichteten, findet die Untersuchung keinen Zusammenhang mit der Talsperre: Die Schütze wurden im Ganzen schrittweise geöffnet, und dieselben Wellen wurden an Gewässern beobachtet, die gar keine Talsperre haben — an der Hoëgne, am Wayai, am Ri d’Asse. Der Untersuchungsausschuss des Wallonischen Parlaments hat diesen Befund in seine Tatsachenfeststellung übernommen.

⚠️ Aufgelöst ist der Streit damit nicht. Die ostbelgische Regionalabgeordnete Christine Mauel warf der Talsperre auch 2023 noch „Missmanagement, falsche Einschätzung der meteorologischen Lage, einen viel zu hohen Wasserstand zum Zeitpunkt der Katastrophe, Pannen an den Schleusen und vor allem eine unzureichende und sogar irreführende Kommunikation“ vor. In Lüttich läuft seit dem 28. Juli 2021 eine gerichtliche Untersuchung wegen fahrlässiger Tötung gegen Unbekannt, die ausdrücklich auch das Talsperrenmanagement umfasst. Zivilparteien sind fast alle Opferfamilien und die Gemeinden Limbourg, Verviers, Pepinster und Chaudfontaine.

ℹ️ Zwei Zahlen widersprechen sich und stehen deshalb beide hier: Der Füllstand vor dem Ereignis wird vom wallonischen Dienst mit „drei Vierteln“ angegeben, in der Zeugenaussage vor dem Untersuchungsausschuss mit 79 Prozent. Und die Abflussspitze nennt die Rekonstruktion von Stucky mit 196 Kubikmetern je Sekunde um 01:30 Uhr, während die zeitgenössische Berichterstattung von 150 Kubikmetern um 03:00 Uhr sprach.

Warum die Warche glimpflich davonkam

Die Talsperren Robertville und Bütgenbach liegen nicht im Wesersystem. Sie stauen die Warche, die über Amel und Ourthe zur Maas fließt — ein anderes Tal, ein anderes Einzugsgebiet. Das ist der erste Grund, warum dort nichts passierte. Der zweite steht in der Untersuchung: Das Einzugsgebiet der beiden Sperren bekam etwa halb so viel Niederschlag wie das der Wesertalsperre und der Gileppe.

Der dritte Grund ist Vorsorge. Der Betreiber begann bereits am 12. Juli mittags, den Inhalt beider Seen abzusenken, indem er im Kraftwerk Bevercé mehr turbinierte. Als die Warche in der Nacht auf 50 Kubikmeter je Sekunde stieg und im Keller des Kraftwerks das Wasser stand, mussten die Turbinen abgestellt werden — die Betreiber entschieden, die Hochwasserschütze in Robertville trotzdem nicht weiter zu öffnen. In diesem Moment hielten die beiden Seen zusammen 35 Kubikmeter je Sekunde zurück. Das Ergebnis: „Bei dem Ereignis wurden weder Schäden noch Überflutungen beobachtet“ — aber, so der Betreiber, hätte es mehr geregnet, wäre die Rückhaltekapazität kritisch geworden.

⚠️ Ein Detail, das die Untersuchung eigens vermerkt: Für Robertville und Bütgenbach gab es gar keine Betriebsvorschrift. Alle Manöver dieser Nacht beruhten auf der Erfahrung der Bereitschaftsmannschaft.

Was im Tal geschah

Die Vesdre erreichte bei Verviers eine Abflussspitze von 440 bis 575 Kubikmetern je Sekunde — ein Hochwasser mit einer Wiederkehrzeit von rund 200 Jahren. Bei Chaudfontaine waren es nach den Hochwassermarken 580 bis 660. Zum Maßstab: Das Flussbett fasst zwischen Limbourg und Verviers 200 bis 250 Kubikmeter je Sekunde. Alles darüber lief durch die Städte, an manchen Stellen zwei Meter hoch und mehr.

Die amtliche Bilanz der Wallonischen Region vom Juli 2022:

  • 39 Tote in Belgien, rund 100.000 Betroffene
  • 209 von 262 Gemeinden betroffen, 9.670 Hektar unter Wasser
  • rund 48.000 Gebäude beschädigt, davon 45.000 Wohnungen
  • über 11.000 Autos, 559 beschädigte Brücken
  • 66.500 Haushalte ohne Strom, 47.000 ohne Wasser
  • 2,8 Milliarden Euro Kosten für die Region, Stand Juli 2022

In Eupen wurden Straßen der Unterstadt evakuiert, das Zentrum der Oberstadt gesperrt, das Wasser reichte bis zur Klötzerbahn. Ein 22-Jähriger wurde vom angeschwollenen Stadtbach in Nispert erfasst und am Rotenberg tot geborgen. In Raeren trat der Iterbach in Neudorf über die Ufer. Die Schadensbilanz der Stadt Eupen liegt „im zweistelligen Millionenbereich“.

In Pepinster, wo die Hoëgne in die Vesdre mündet, hieß es zwei Wochen später, bis zu 59 Gebäude müssten abgerissen und 350 Menschen umgesiedelt werden. Bis zum fünften Jahrestag wurden dort etwa hundert Wohnungen abgerissen — nicht aus Zerstörung, sondern aus Absicht: um Vesdre und Hoëgne Raum zu geben. Limbourg hat beschlossen, ein ganzes Viertel abzureißen und in eine Grünfläche zu verwandeln, in der das Wasser gefahrlos ausufern darf.

ℹ️ Die Angaben zu den Todesopfern einzelner Orte gehen in den Quellen auseinander. Für Eupen nennen der Belgische Rundfunk und Ostbelgien Direkt einen Toten; anderslautende Angaben werden von den ostbelgischen Medien nicht gestützt. Für Pepinster nennt die RTBF zum fünften Jahrestag sieben Tote, während frühe Zwischenstände vom Juli 2021 von zwölf Toten in Verviers und Pepinster zusammen sprachen.

Der Mythos vom Schwamm

Wer im Hohen Venn unterwegs ist, hört den Satz früher oder später: Das Hochmoor sei ein Schwamm, es sauge den Regen auf und gebe ihn langsam wieder ab. Nach der Flut wurde daraus die Frage, warum der Schwamm nicht funktioniert hat.

Die Antwort der Forschung ist unbequem: Er funktioniert nicht, weil es ihn fast nicht mehr gibt — und weil er auch dort, wo er noch liegt, nie so funktioniert hat.

Rund um das Plateau von Botrange liegen etwa 1.000 Hektar Hochmoor. Davon sind heute noch 125 Hektar aktives Hochmoor mit lebender Torfmoosdecke: Fagne Wallonne, Fagne de Cléfaye, Misten. Und diese drei speisen, und auch nur über ihre Nordflanke, ein einziges Gewässer — die Helle. Die Moore, aus denen Soor und Gileppe kommen, sind inaktive Hochmoore, größtenteils intensiv entwässert.

Für solche inaktiven Hochmoore hat die Hydrologie gemessen, wohin der Regen geht: 50 Prozent laufen als schneller Oberflächenabfluss ab, 30 Prozent als oberflächennaher Zwischenabfluss in den obersten 25 Zentimetern Torf, je 10 Prozent als tiefer Zwischenabfluss und als Basisabfluss. Der Satz, der daraus folgt, steht wörtlich in der Literatur: „Entgegen den landläufigen Vorstellungen bewirken diese inaktiven Hochmoore weder eine nennenswerte Dämpfung von Hochwassern noch eine nennenswerte Stützung des Niedrigwassers.“

Dazu kommt, was seit anderthalb Jahrhunderten in dieses Moor gegraben wurde. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurde der natürliche Abfluss künstlich umgeleitet, um die neuen Talsperren zu speisen. Ab 1902 kam die Fichtenaufforstung, und mit ihr Entwässerungsgräben alle fünf Meter, schräg zur Falllinie — geschätzt Tausende Kilometer. Der Palynologe Maurice Streel zieht daraus den Schluss, dass es eher die Dichte des Grabennetzes war, die bei den Überschwemmungen aus Soor und Gileppe eine Hauptrolle spielte.

Das ist mehr als eine akademische Feststellung, denn der offizielle Wiederaufbauplan für das Vesdre-Einzugsgebiet von 2023 empfiehlt, die Fagnes sollten „wieder ein riesiger Schwamm werden, mit Torfmooren und Laubbäumen“. Das steht in Spannung zu dem, was gemessen wurde: Ein degradiertes Hochmoor puffert nicht. Damit die Wirkung entsteht, müssten die Drainagen tatsächlich zurückgebaut werden — was seit 1966 in Ansätzen geschieht: Die „Amis de la Fagne“ haben über 800 Dämme in die wichtigsten Gräben gebaut, seit 1993 läuft ein Renaturierungsprogramm.

⚠️ Eine Zahl, die kursiert, konnte ich nicht belegen: In einer Reportage heißt es, die Hälfte des Abflusses der Flut — rund 500 Kubikmeter je Sekunde — sei vom Plateau des Hohen Venns gekommen. Eine Quelle für diesen Wert wird dort nicht genannt. Ich führe ihn als journalistische Angabe, nicht als Messwert.

Was der Regen mit den Bächen gemacht hat

Zwei Wochen nach der Flut bin ich durch den Osthertogenwald gefahren, dorthin, wo der Steinbach die Grenze zwischen Eupen und Raeren bildet und der Eifelsteig ihn quert. Das Bachbett war bis auf den anstehenden Fels ausgeräumt. Daneben lagen helle Blöcke und Findlinge in loser Schüttung, Wurzelteller ragten ins Bett, das Wasser lief moorbraun durch das, was übrig war.

Das ist eine Beobachtung, kein Befund. ⚠️ Zu Schäden an Bächen, Forstwegen und den Bohlenwegen im Hohen Venn habe ich keine belegten Angaben gefunden — die auffindbaren Berichte über beschädigte Bohlenwege betreffen andere Ereignisse. Belegt ist dagegen ein Schaden an der Vennbahn: Eine Brücke bei Auel nahe Burg Reuland wurde zerstört; der 46 Meter lange Ersatzbau über die Our war im Oktober 2022 fertig, seither ist der Radweg wieder durchgehend befahrbar. Auel liegt allerdings im Ourtal in der Südeifel, nicht im Venn.

Was seither geschehen ist

An der Wesertalsperre wurde die freie Rückhaltereserve vergrößert — nach Angaben des zuständigen Generalinspektors von 2,8 auf 7 Millionen Kubikmeter, ausdrücklich als vorläufige Maßnahme. Dazu kam ein neues Rechenmodell, das Wettervorhersage, Zufluss und Bodensättigung in Echtzeit berücksichtigt, und eine Verdopplung der Bereitschaftsingenieure.

Im Tal selbst läuft seit 2023 das „Schéma stratégique“ für das Vesdre-Einzugsgebiet — der Plan, der hinter dem Abriss ganzer Viertel in Pepinster und Limbourg steht. Sein Grundgedanke ist derselbe wie auf der deutschen Seite: dem Fluss Raum zurückgeben, statt ihn höher einzuzwängen.

Was in diesem Beitrag bewusst fehlt

  • Eine Bewertung des Talsperrenmanagements. Dazu läuft ein Ermittlungsverfahren. Was hier steht, sind die Feststellungen der unabhängigen Expertise und die Positionen der Beteiligten — kein Urteil.
  • Eine Quantifizierung der Bodensättigung im Hohen Venn am 13. und 14. Juli. Die Untersuchung nennt sie als Faktor, beziffert sie aber nicht; eine belegte Zahl habe ich nicht gefunden.
  • Ein eigener Messwert für die Station Botrange. Der amtliche Wert für das Hochplateau ist Mont Rigi.
  • Schadenszahlen für die Deutschsprachige Gemeinschaft im Einzelnen. Für Eupen ist nur „im zweistelligen Millionenbereich“ belegt.

Häufige Fragen zur Flut 2021 in Ostbelgien

Wie viele Menschen starben bei der Flut 2021 in Belgien?

Die amtliche Bilanz der Wallonischen Region nennt 39 Tote, die meisten davon im Vesdretal. Die Angaben zu einzelnen Orten gehen in den Quellen auseinander; für Eupen ist ein Todesopfer belegt.

Hat die Wesertalsperre die Flut im Vesdretal verursacht?

Nach der unabhängigen Untersuchung für die Wallonische Region nicht: Die Sperre hielt mehr als 6 der 12,4 Millionen Kubikmeter zurück, die ihr zuliefen, und ohne sie wäre die Lage unterhalb noch katastrophaler gewesen. Ein Zusammenhang zwischen der Bedienung der Schütze und den beobachteten Flutwellen ließ sich nicht nachweisen — dieselben Wellen traten an Gewässern ohne Talsperre auf. Politisch und strafrechtlich ist die Frage nicht abgeschlossen: In Lüttich läuft seit Juli 2021 eine gerichtliche Untersuchung wegen fahrlässiger Tötung, die auch das Talsperrenmanagement umfasst.

Hätte man die Talsperre vorher ablassen können?

Die Untersuchung stellt fest, dass die Schnelligkeit des Hochwassers das nicht erlaubt hat — und dass die damals geltende Betriebsvorschrift eine vorsorgliche Reserve gar nicht vorsah. Kritiker, darunter ein Professor der Universität Lüttich, halten dagegen, dass europäische Hochwasserwarnungen seit dem 10. Juli vorlagen. Seither wurde die freie Rückhaltereserve von 2,8 auf 7 Millionen Kubikmeter vergrößert.

Wie viel Regen fiel im Hohen Venn?

An der Station Mont Rigi auf dem Hochplateau 192,4 Millimeter in 48 Stunden. Höher lagen die Werte am Nordrand: Jalhay 271,5 und Spa 217,1 Millimeter. Der belgische Wetterdienst nennt für diese Stationen eine Wiederkehrzeit von deutlich über hundert Jahren. Die höchste Tagessumme des Landes fiel mit 179,0 Millimetern in Hockai bei Stavelot.

Warum hat das Hochmoor im Hohen Venn den Regen nicht aufgefangen?

Von rund 1.000 Hektar Hochmoor um Botrange sind nur noch etwa 125 Hektar aktives Hochmoor, und diese speisen nur ein einziges Gewässer, die Helle. Für inaktive, entwässerte Hochmoore ist gemessen, dass rund die Hälfte des Niederschlags als schneller Oberflächenabfluss abläuft; eine nennenswerte Dämpfung von Hochwassern leisten sie nicht. Hinzu kommt ein Grabennetz aus der Fichtenaufforstung ab 1902 mit Entwässerungsgräben alle fünf Meter.

Waren Robertville und Bütgenbach betroffen?

Nein. Die beiden Sperren liegen an der Warche, die über Amel und Ourthe zur Maas fließt, nicht im Wesersystem. Ihr Einzugsgebiet bekam etwa halb so viel Regen wie das der Wesertalsperre. Der Betreiber hatte zudem ab dem 12. Juli vorsorglich abgesenkt. Schäden oder Überflutungen wurden dort nicht beobachtet — bei mehr Regen wäre es nach seiner eigenen Einschätzung kritisch geworden.

Wie hoch war der Schaden in der Wallonie?

Die Wallonische Region bezifferte ihre eigenen Kosten im Juli 2022 auf 2,8 Milliarden Euro. Betroffen waren 209 von 262 Gemeinden, rund 48.000 Gebäude und 559 Brücken; 9.670 Hektar standen unter Wasser.

Werden im Vesdretal Häuser abgerissen?

Ja, und nicht nur die zerstörten. In Pepinster wurden bis zum fünften Jahrestag etwa hundert Wohnungen abgerissen, um Vesdre und Hoëgne mehr Raum zu geben. Limbourg hat beschlossen, ein ganzes Viertel in eine Grünfläche umzuwandeln, in der das Wasser gefahrlos ausufern kann.

Ist die Flut in Ostbelgien dieselbe wie die im Ahrtal?

Dieselbe Wetterlage, dieselbe Nacht, andere Flüsse. Das Tief blieb über Deutschland stehen und regnete sich an Eifel, Ardennen und Hohem Venn ab. Die Wasserscheide läuft durch das Venn: Was nach Norden abfloss, ging in die Weser und weiter nach Verviers und Lüttich; was nach Osten abfloss, ging in Rur, Urft und Olef.

Kann man die betroffenen Orte heute wieder besuchen?

Ja. Eupen, Verviers, Pepinster und Chaudfontaine sind erreichbar, der Vennbahn-Radweg ist seit Oktober 2022 wieder durchgehend befahrbar. Wer durch die Orte fährt, sieht allerdings weiterhin Baulücken — an manchen Stellen sind sie Absicht und sollen es bleiben.

Weiterlesen

Quellen

  • Stucky SA mit C. Fallon und J. Teller (Universität Lüttich): Analyse indépendante sur la gestion des voies hydrauliques, Lot 1 — factualisation, Dokument 5875/4001a, 8. Oktober 2021 — wallonie.be
  • Parlement wallon, Bericht des Untersuchungsausschusses, Dok. 894 (2021–2022) Nr. 1, 24. März 2022 — parlement-wallon.be
  • IRM/KMI: Ce que l’on sait sur les pluies exceptionnelles des 14 et 15 juillet 2021 — meteo.be
  • Gouvernement wallon: Inondations de juillet 2021 — Bilan et perspectives, 4. Juli 2022 — wallonie.be
  • Maurice Streel: Hautes Fagnes : trop d’eau ou pas assez ?, in: Hautes Fagnes 2022-3, S. 20–22 — ORBi, Universität Lüttich
  • Oswald Schröder: Wesertalsperre — Chronologie eines „kolossalen Fehlers“, GrenzEcho, 22. Juli 2021
  • BRF: Hochwasser im Überblick — Eupen und Raeren im Ausnahmezustand, 14. Juli 2021, und Ein Toter bei Überschwemmungen in Eupen, 15. Juli 2021
  • RTBF: 5 ans après les inondations, Pepinster est-elle devenue plus résiliente ?, 15. Juli 2026

Alle Quellen zuletzt abgerufen am 9. September 2026. Die Zitate aus den französischsprachigen Berichten sind sinngemäß übersetzt; die Originalformulierungen stehen in den verlinkten Dokumenten.

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