Galmei – das Zinkerz zwischen Aachen, Stolberg und Kelmis

Zwischen Aachen, Stolberg und dem belgischen Kelmis lag jahrhundertelang ein Rohstoff im Boden, nach dem halb Europa fragte: Galmei, ein unscheinbares Zinkerz. Ohne Galmei kein Messing – und ohne Messing keine Kupfermeister, keine Kupferhöfe in Stolberg, keine Zinkhütten und auch kein Neutral-Moresnet. Was Galmei ist, wo es abgebaut wurde und was man davon heute noch sieht.

Was Galmei ist

Galmei ist kein Mineralname im heutigen Sinn, sondern ein alter Sammelbegriff der Bergleute für schwefelfreie Zinkerze. Gemeint sind vor allem zwei Minerale: der carbonatische Galmei, der Smithsonit oder Zinkspat, und der silikatische Galmei, der Hemimorphit oder Kieselzinkerz. Äußerlich sind die beiden kaum zu unterscheiden; erst der englische Chemiker James Smithson trennte sie 1803. Smithsonit ist farblos bis weiß, oft mit grünlichen, gelblichen oder bläulichen Tönen, meist traubig oder derb. Verwittert tritt Galmei auch als erdiger „Erdgalmei“ auf.

Galmei ist ein Sekundärerz. Es entstand nahe der Oberfläche, bis in etwa 80 bis 100 Meter Tiefe, wo Wasser und Luft das ursprüngliche Erz umwandelten – die Zinkblende. Darunter liegen die schwefelhaltigen Primärerze: Zinkblende, Bleiglanz und Markasit. Im Raum Stolberg sitzen sie im devonischen Kalkstein, in den vor rund 200 Millionen Jahren Erzlösungen eingedrungen waren.

Ein rötlich-braunes Handstück Galmei in devonischem Kalkstein aus Stolberg in einer Sammlerschachtel.
Galmei in devonischem Kalkstein aus Stolberg – so unscheinbar sah der Rohstoff aus, der eine Region reich machte.

Der Name geht auf das lateinische lapis calaminaris zurück, eine Verballhornung des griechischen kadmia, des allgemeinen Wortes für Zinkerz; im Mittelhochdeutschen hieß es „kalemīn“. Auch der Ort Kelmis, französisch La Calamine, trägt das Erz im Namen. Die Gemeinde selbst erklärt ihn als „bei den Galmeisteinen“; mundartlich hieß das Erz am Altenberg „Kelms“.

Wo Galmei abgebaut wurde

Die Lagerstätten ziehen sich vom Altenberg bei Kelmis über Aachen bis in den Süden und Osten von Stolberg. Die wichtigsten:

  • Altenberg in Kelmis („Alter Berg“, französisch Vieille Montagne): die reichste Lagerstätte, überwiegend silikatischer Galmei. Wann der Abbau begann, ist umstritten; die Gemeinde nennt einen Beleg von 1344. Zwischen 1837 und 1884 wurden dort rund 1,4 Millionen Tonnen Galmeierz gefördert.
  • Diepenlinchen bei Mausbach: das größte Erzbergwerk auf Stolberger Gebiet, Zink, Blei und Eisen, zuletzt fast 400 Meter tief, stillgelegt im März 1919.
  • Breinigerberg und Schlangenberg: Abbau seit der Römerzeit, um 1850 ein frühindustrielles Grubenfeld mit rund 700 Beschäftigten, geschlossen 1883. Heute das Naturschutzgebiet Schlangenberg.
  • Gressenich: Im römischen Vicus Gressenich wurde nachweislich Messing hergestellt; ob dafür gezielt Galmei abgebaut wurde, ist unter Heimatforschern umstritten.
  • Büsbach: Hier lag eine Großpinge von etwa 200 mal 80 Metern und rund 40 Metern Tiefe.

Wie viel insgesamt aus dem Boden kam, lässt sich nur schätzen. Für die Zeit von 1640 bis 1780 rechnet die Stolberger Heimatforschung mit rund 250.000 Tonnen Messing, für die etwa 350.000 Tonnen Galmei nötig waren; insgesamt seien 400.000 bis 500.000 Tonnen Galmei abgebaut worden.

Galmei plus Kupfer gleich Messing

Metallisches Zink konnte man in Europa lange nicht herstellen – es verdampft, bevor es sich aus dem Erz schmelzen lässt. Bis nach 1800 war Galmei deshalb der einzige Rohstoff für Messing. Das Verfahren heißt Zementation: Galmei wurde mit Holzkohle gemischt und zusammen mit Kupferstücken im Tiegel auf 950 bis 1.000 Grad erhitzt. Das Zink dampfte aus dem Erz und legierte sich mit dem Kupfer. Nach Gewicht brauchte man etwa doppelt so viel Galmei wie Kupfer.

Zuerst war Aachen das Zentrum. Nur Messing aus Altenberger Galmei und Mansfelder Kupfer durfte das Aachener Stadtwappen tragen; 1559 sind in der Stadt 69 Kupfermeister und 1.000 Kupferknechte belegt. Dann zogen die Kupfermeister nach und nach ins Vichttal ab. Leonard Schleicher baute 1575 den ersten Kupferhof in Stolberg, 1598 standen dort schon ein gutes Dutzend. Die Gründe: In Aachen ließen die Zunftregeln zu wenig Wasserkraft zu, und die meist protestantischen Kupfermeister gerieten in der Gegenreformation unter Druck. In Stolberg gab es alles auf engem Raum – Galmei, Wald für Holzkohle, Wasserkraft am Vichtbach und Steinkohle. 1663 liefen in Aachen nur noch 12 bis 25 Schmelzöfen, in Stolberg 90 bis 95.

Spätestens im 18. Jahrhundert beherrschte Stolberg den europäischen Messingmarkt nahezu allein; in der Blütezeit arbeiteten dort rund 40 Kupfermeisterfamilien. Ihre befestigten Wohn- und Werkhöfe, die Kupferhöfe, prägen die Stadt bis heute.

Dony, die Zinkhütte und das Ende des alten Messings

Die Wende kam aus Lüttich. Der Chemiker Jean-Jacques Dony erhielt 1805/1806 die Konzession für den Altenberg und stellte 1809 einen Ofen vor, mit dem sich metallisches Zink im großen Stil gewinnen ließ; 1810 bekam er dafür ein Patent. Damit war Zink ein eigenes Metall, das man walzen, gießen und mit Kupfer gezielt legieren konnte. Das alte Galmeiverfahren der Kupfermeister verlor seinen Vorsprung.

Am 24. Mai 1837 wurde die Gesellschaft Vieille Montagne gegründet, benannt nach dem Altenberg. Sie wurde zu einem der großen Zinkkonzerne Europas und ging 1989 in der Union Minière, dem späteren Umicore, auf. Auch in Stolberg entstanden Zinkhütten: die erste 1819, weitere 1834 in Münsterbusch und 1845 am Birkengang.

Das ehemalige Direktionsgebäude der Zinkgesellschaft Vieille Montagne an der Lütticher Straße in Kelmis, heute Museum.
Das ehemalige Direktionsgebäude der Vieille Montagne in Kelmis – heute ein Museum.

Ein Land wegen eines Erzes: Neutral-Moresnet

Wie wertvoll die Galmeigrube am Altenberg war, zeigt eine Episode aus der Zeit nach Napoleon. Preußen und die Niederlande konnten sich nicht einigen, wem die Grube gehören sollte. Im Aachener Grenzvertrag von 1816 teilten sie das Gebiet deshalb dreifach: Moresnet an die Niederlande, Neu-Moresnet an Preußen – und dazwischen ein neutrales Gebiet von 3,4 Quadratkilometern um die Grube, das beide gemeinsam verwalteten. Aus 256 Einwohnern im Jahr 1815 wurden bis vor dem Ersten Weltkrieg 4.668. Erst nach dem Versailler Vertrag kam das Gebiet zu Belgien, das es ab dem 10. Januar 1920 verwaltete. Heute ist es die Gemeinde Kelmis – mehr dazu im Beitrag Kelmis und Neutral-Moresnet.

Was vom Galmei blieb: eine eigene Pflanzenwelt

Das sichtbarste Erbe des Bergbaus ist heute grün. Auf den zink- und bleihaltigen Böden alter Pingen und Halden wächst die Galmeiflora, eine Pflanzengesellschaft aus Spezialisten, die mit Schwermetall zurechtkommen. Ihre Leitart ist das Gelbe Galmei-Veilchen, das es weltweit nur im Dreiländereck um Aachen gibt. Galmeirasen wachsen am Altenberg in Kelmis, bei Aachen-Brand und Eilendorf, bei Breinig und Werth und in den Schutzgebieten Brockenberg, Bärenstein und Schlangenberg. Früher dienten solche Fluren Erzsuchern als Fingerzeig auf verborgene Lagerstätten.

Wo man Galmei heute erlebt

  • Museum Vieille Montagne, Lütticher Straße 278, Kelmis: im ehemaligen Direktionsgebäude der Zinkgesellschaft, eröffnet 2018. Geöffnet dienstags bis sonntags, Eintritt mit Audioguide; aktuelle Zeiten und Preise auf der Seite des Museums.
  • Casinoweiher in Kelmis: angelegt von der Vieille Montagne als Wasserspeicher für die Galmeiwäsche, daneben die alte Galmeihalde – heute ein Naturschutzgebiet mit Galmei-Veilchen.
  • Museum Zinkhütter Hof, Cockerillstraße 90, Stolberg: Industriegeschichte der Region mit Messing, Zink und Nadeln. Das Gebäude war übrigens nie eine Zinkhütte, sondern eine Glashütte.
  • Naturschutzgebiet Schlangenberg bei Breinigerberg: die eindrucksvollste Pingenlandschaft, mit kurzem Rundweg und der Kupferroute, einem Partnerweg des Eifelsteigs von der Stolberger Altstadt durch das alte Erzrevier.

Karte

Bildnachweis: Beitragsbild „Smithsonit (Zinkspat) – Altenberg, Aachen“ von Ra’ike, lizenziert unter CC BY-SA 3.0, über Wikimedia Commons.
Bilder im Text: „Galmei-Stolberg“ von BBKurt, lizenziert unter CC BY-SA 3.0; „Kelmis – Vieille Montagne“ von Hoebele, lizenziert unter CC BY-SA 4.0; beide über Wikimedia Commons. Für dieses Portal höchstens auf 1920 Pixel Breite verkleinert, sonst unverändert.

Quellen

Stand der Angaben: Oktober 2026.

Schreibe einen Kommentar